Abschied.

Gestern durfte ich Teil einer Lesung sein. Mitten in Bonn. Elf Vorleser, elf Geschichten. Meine Geschichte ist eine wahre Geschichte. Mal anders geschrieben, als ich es sonst hier tue.

Da standen wir. Im Flur. Die Haustür schon geöffnet. Mit Tränen in den Augen. „Sag nochmal Tschüß“, sagte ich zu meinem kleinen Sohn, der ums uns herumturnte. „Sag nochmal Tschüß zu MiniP“, sagte ich zu ihm. Bemüht, die Fassung zu wahren. Tränen liefen mir die Wangen hinunter. MiniPs Mama ging es nicht anders. Da standen wir nun, denn dieser eine Tag war gekommen.

Der Babyboy ging zu MiniP, umarmte sie noch einmal – so, wie das Zweijährige untereinander tun. Einmal mit seinen kleinen Ärmchen die genauso kleine MiniP umschlingen. Trat einen Schritt zurück und begann zu winken. „Tüss“, so wie er das immer tat, wenn er jemanden nach einem Besuch bei uns verabschiedete. Auch die kleine MiniP war nicht sonderlich gerührt und stapfte in ihren kleinen rosa Boots zum Fahrstuhl.

Nur wir Mamas, wir konnten nicht so einfach voneinander gehen. Und suchten Trost in einer weiteren Abschiedsumarmung. Zwischen uns die kleine drei Monate alte BabyL, die in einem Tragetuch an ihre Mama gekuschelt war, und eine kleine Papierrolle mit Erinnerungen aus dem noch so kleinen Leben unserer zwei „Großen“.

Wer hätte das gedacht, dass dieser Tag so schnell, oder überhaupt einmal kommen würde? Wir hatten das doch alles so anders geplant. Uns anders ausgemalt. Uns so vieles schon vorgestellt.

Sandkastenfreunde? Wir hatten dieses Wort für die beiden direkt mal ausgehebelt! Freunde, und das vom ersten Tag ihres Lebens! So war es gewesen! So ging es los zwischen den beiden. Der Babyboy war ganze 48 Stunden alt, als seine MiniP zum ersten Mal in sein Leben trat. Immer war sie ihm ein bisschen, ganze drei Monate voraus gewesen. Immer konnte sie alles einige Wochen vor ihm. Greifen, winken, krabbeln, laufen, klettern oder sprechen. Und immer bewunderte er sie ein bisschen dafür. Seine „Pina“.

Und wir Mamas saßen da, erst beim Stillen, hinterher beim Füttern und dann mit einer Tasse Kaffee in der Hand und sahen unseren Kleinen beim Großwerden zu. Wir waren schon vorher Freundinnen gewesen, die Tatsache gemeinsam schwanger zu sein, war wie ein Geschenk. Für uns und für unsere Kinder. Von Anfang an waren wir als 4er Gespann unterwegs, 100e von gemeinsamen Fotos entstanden, Erinnerungen wurden geboren, wir unternahmen kleine und große Ausflüge.

Unsere zwei wuchsen über die Zeit, durch die vielen gemeinsamen Erlebnisse zusammen, wie Pech und Schwefel. Der Babyboy verteidigte seine MiniP vor anderen Kindern und wollte sie nur für sich, wo der eine war, war der andere. Sie unterhielten sich in ihrer Sprache, machten gemeinsam Schabernack. Wenn der eine eine Idee hatte, wollte es der andere sofort nachmachen. Viele gemeinsame Abendessen und Spaziergänge, Tänze und Kinderzimmer-Dates. Und wir saßen da, beobachteten die beiden schmunzelnd und malten ihre gemeinsame Zukunft aus. Planten auch unsere gemeinsame Zukunft, was wir alles machen wollten, wenn die Kleinen größer sein würden.

Und dann ging es plötzlich ganz schnell.

Ein neuer Job.

Eine neue Stadt.

Hoch im Norden.

Aus Minuten wurden Stunden der Entfernung.

Ab in die Fremde. In ein neues Leben ohne uns.

Ein letztes Treffen, kurz nach BabyBBs zweiten Geburtstag. Man kann die Zeit nicht anhalten. Wir haben unsere Liebsten an Hamburg verloren.

Noch immer standen wir im Flur und weinten über die Sorglosigkeit unserer beiden Kleinen. Denn wir nahmen ihnen ihre Freundschaft weg. Wir nahmen ihnen das weg, was sie gemeinsam noch hätten erleben können. Ob Kinder einander vermissen? Ob sie sich fragen würden, wo der andere ist, wenn es nicht mehr an der Tür klingeln würde? Wir nahmen ihnen etwas weg, was sie noch nicht begreifen konnten. Abschied für immer.

Es fühlte sich an, wie ein schwerer Vertrauensbruch. Wie ein Belügen der beiden.

Sag noch einmal Tschüß, sagte ich. Hätte es nicht heißen müssen: Sei wütend auf uns! Auf uns, die es einfach geschehen lassen! Denn Du wirst MiniP nicht mehr sehen. Kaum noch. Deine kleine beste Freundin. Sie wird einen neuen Freund finden, mit dem sie durch dick und dünn geht. Sie wird bald an ihrer Haustür stehen und sehnsüchtig warten, dass er endlich kommt, der der dann Deinen Platz eingenommen hat. Du wirst keine Rolle mehr in ihrem Leben spielen. Bald bist du nur noch eine Erinnerung auf hunderten von Fotos, aber kein Gefühl mehr sein. Nur noch der, der mal zwei Jahre in ihrem Leben stattgefunden hat, der ohne Erinnerungen ist, ohne Bedeutung. Sei wütend auf uns!

Die Fahrstuhltür schloss sich.

MiniP fuhr mit ihrer Mama und Baby-Schwester gen neues Leben.

Ohne uns.

Mamablog Missbonnebonne Affenzahn Baby-Freundschaft

 

 

 

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